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Ürümqi – Korla

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Ürümqi, Xinjiang – gleiches Land anderer Kulturkreis – aber nicht wirklich, denn der “Wilde Westen” Chinas ist zwar traditionell und kulturell Zentralasien zuzuordnen, was sich aber außer in einer erhöhten Muslimpopulation und der Präsenz einer anderen Diät – nämlich Kebabs, Fladenbrot und Joghurt – hier in Ürümqi kaum ausdrückt. Die Stadt wirkt zunächst wie jede andere chinesische Großstadt und ist geprägt von einem neuen, am Reißbrett entworfenen Stadtzentrum mit Hochhäusern und einigen Parks. Insgesamt herrscht auf den ersten Blick eine entspannte Atmosphäre die dem zweiten Blick leider nicht standhält. Auf den ersten Blick scheint alles ganz normal, aber man bemerkt eine erhöhte Polizeipräsenz. An sich nichts ungewöhnliches in China, was mir aber zu denken gab war zum Beispiel der Kauf eines Fladenbrotes im Supermarkt. Vor mir eine Han-Chinesin, die in han-chinesischer Manier ein Brot verlangte. Der Verkäufer nimmt das erste Brot von oben, und packt es ein. Dann bin ich an der Reihe. Zwei Brote will ich kaufen. Der Verkäufer prüft alle Brote und gibt mir die zwei Besten. Am nächsten Tag eine ähnliche Szene. Obwohl er noch Brote da liegen hat, bedeutet er mir ich möge doch fünf Minuten warten um in der Zwischenzeit frische zu machen. Wäre ich Han-Chinese hätte ich wahrscheinlich alte bekommen …

Nachdem wir abends in Ürümqi ankamen – ein Flug mit Lucky Air brachte uns via Lanzhou mit guten Blick auf die Berge Osttibets hierher – hatten wir zunächst Probleme das Stadtzentrum und die Jugendherberge zu finden. Ürümqi ist größer als gedacht, und die knapp 20 km vom Flughafen zur Innenstadt geht es leicht aber kontinuierlich bergauf. Wenig hilfreich war auch der Innenstadtplan des Reiseführers – irgendwie passte das alles nicht zusammen. Nach langem Suchen, wobei wir wieder mal feststellen mussten, dass entgegen dem Rest der Welt es in China oft besser ist, Einheimische nicht um Hilfe zu bemühen, fanden wir schlussendlich die Jugendherberge. Mit ¥ 120 für das einfache Doppelzimmer nicht gerade ein Schnäppchen – blieben wir trotzdem vier Nächte. Zum einen um uns an die doch leicht andere Kultur anzupassen, zum anderen regnete es am dritten Tag, und Regenfahrten machen einfach keinen Spaß wenn’s nicht sein muss. Der Regen hatte aber auch etwas Gutes, denn nun war die Luft wieder klar und die schneebedeckten Gipfel des Altai-Gebirges östlich von Ürümqi ragten hinter den Hochhäusern der Stadt majestätisch empor. Tags darauf machten wir uns auf Richtung Tien Shan, dem westlich von Ürümqi gelegenen Gebirge und der zumindest kilometertechnisch kürzeren Route zur nördlichen Seidenstraße. Ürümqi liegt auf ca. 850 m über dem Meer und wir wussten dass die Straße auf den nächsten 140 km bis zur Passhöhe des Shengli Daban Passes auf 4.100 m ansteigen würde. Was für eine krasse Straße eigentlich – rauf auf über 4.000 m, nur um dann wieder auf unter 1.000 m abzufallen! Ich war sehr gespannt, vor allem die Bilder des finalen Passanstiegs, eine Steilwand an der sich die Straße im Zickzack empor windet – hatten einen bleibenden Eindruck und den Wunsch diesen Pass zu fahren, hinterlassen! Aber zunächst mussten wir uns durch 60 km stetig ansteigende Straßenrunderneuerung bergauf quälen. Chinesischer Straßenbau funktioniert nämlich so, dass beschlossen wird einen bestimmten Abschnitt neu zu bauen, üblicherweise ein Stück 50-100 km lang. Als nächstes wird der verbliebene Straßenbelag der alten Straße (so sie überhaupt befestigt war) entfernt und die neue Straße aufgebaut. Tja und wohin mit dem Verkehr? Der darf sich irgendwie auf schlechtester Behelfstrasse neben der Baustelle entlang quälen. Für uns hieß dass, erhöhter Kraftaufwand und ständig Lkws ausweichen. Belohnt wurden wir dann abends mit einem mehr oder weniger idyllischen Zeltplatz – viel Auswahl gab’s nicht. Am nächsten Tag stieg die mittlerweile ganz brauchbare Straße weiter an durch ein enges Tal mit permanenter Steinschlaggefahr um dann plötzlich von einem Neubauabschnitt mit Leitplanken und Straßenschildern abgelöst zu werden. Im Tal zur rechten Befand sich eine Kaserne und das Tal öffnete sich wieder. Ich war ca. 200 m vor Frau Schroeder als ich sie schreien hörte und mich umblickend sah, wie sie versuchte bergauf drei jungen Soldaten der Volksbefreiungsarmee zu entkommen. Ich drehte um und schrie ihr entgegen sie solle anhalten. Sie zeigte den Soldaten die Fotos die sie gemacht hatte, aber untere Ränge haben keine Ahnung von nichts und können auch nichts entscheiden, und es war mal wieder “ting bu dong” auf beiden Seiten. Jedenfalls mussten wir warten. Nach Ewigkeiten kam dann endlich ein weiterer junger Soldat der etwas englisch konnte und erklärte was ich ohnehin schon geahnt hatte – jemand auf höherer Ebene musste begutachten was Sache war und eine Entscheidung treffen. Schließlich kam der überaus höfliche Vorgesetzte der sich überschwänglich für die Unannehmlichkeiten entschuldigte, uns informierte dass wir uns in einer Gegend von militärischem Interesse befänden und uns, nach dem er unsere Passnummern aufgeschrieben und sich versichert hatte, dass die Kaserne auf keinem Foto zu sehen war, uns gute Weiterfahrt wünschte. Zwischenzeitlich hatte Regen eingesetzt der allerdings wieder aufhörte als wir den Ort Houxia, letzte Versorgungsmöglichkeit vor dem Pass, erreichten. Der Ort selber war etwas schäbig, aber es gab einige Restaurants und Läden und sogar eine Übernachtungsmöglichkeit von der wir allerdings nicht Gebrauch machten. Wir fuhren weiter, das Tal verengte sich zusehends und die Straße stieg steil bergan. Dann setzte wieder Regen ein. Es war kalt. Als wir an einem offensichtlich verlassenen Haus vorbei kamen fiel uns die Entscheidung nicht schwer – erstmal unterstellen und sehen ob es tatsächlich verlassen war. Niemand war in Sicht. Nach einer Stunde des Wartens in der Kälte entschlossen wir im saubersten Raum das Zelt aufzubauen um uns aufzuwärmen. Offensichtlich wurde das Haus zumindest in der Vergangenheit öfter als Camp von Ziegenhirten und LKW-Fahrern benutzt, wie sich unschwer aus dem Müll und dem Köttel schließen ließ. Wir lagen gerade ein paar Minuten in unseren Schlafsäcken als wir ein Ziegenherde inklusive Hirtin wahrnahmen. Wir entschlossen uns ruhig zu verhalten und nicht bemerkt zu werden. Kurz darauf folgte eine weitere Herde. Aber anstatt die Ziegen irgendwo einzuschließen ließen sie sie draußen herumlaufen. Die neugierigen Tiere bemerkten uns natürlich und so kam es dass so ziemlich jede Ziege in unser “Zimmer” schauen musste was wir denn da wohl machten. An sich ein lustiges Erlebnis, aber wir fürchteten natürlich dass das die Hirten auf uns aufmerksam machen würde – und das war das Letzte was wir wollten. Wir wollten schließlich unsere Ruhe und nicht noch mal raus in die Kälte müssen – und vor allem: ruhig, weil unentdeckt schlafen können.

Lange Rede kurzer Sinn: man entdeckte uns nicht, und nachdem die Hirten die Ziegen morgens wieder auf die Weide trieben, machten wir uns davon! Das Wetter hatte sich gebessert und die Sonne schien. Was für einem Unterschied Sonnenschein doch macht! Wir kämpften uns weiter voran bis auf 3.000 m, als sich das Wetter verschlechterte. Frau Schroeder gab mir zu verstehen, dass sie so langsam nicht mehr konnte und schlug vor Mittagspause zu machen. Daran war aber nicht zu denken, da es mittlerweile wieder recht kalt war und draußen sitzen und auskühlen ist nicht gut. Mittlerweile hatte es auch noch zu schneien begonnen und nach abwägen der Situation – ich hatte auch deutlich zu kämpfen, denn solch ein immenser Zugewinn an Höhe ist nie einfach zu verkraften, dazu noch die Kälte … wir taten es nicht gern aber wir entschlossen uns ein Auto anzuhalten. Gleich das erste hielt. Ein Mitsubishi Pajero Geländewagen mit einer chinesischen Familie. So gut wir konnten erklärten wir unsere Situation, und zu unserer Freude wurde keine Mühe gescheut unsere dreckigen Räder samt Gepäck irgendwie in das Fahrzeug zu stopfen und uns den Lift zu geben. Wie schön sind doch auch die Errungenschaften der Zivilisation, und so fuhren wir dem Pass entgegen. Mir ging es aber nach den ersten Kehren gar nicht mehr gut. Hatte Frau Schroeder noch am Emei Shan mit der Höhe zu kämpfen, so war ich es nun der zu kämpfen hatte! Ich wusste das es nur am schnellen Anstieg liegen konnte und damit gepaart das ich tags zuvor situationsbedingt zu wenig getrunken hatte, der plötzlichen Klimaveränderung durch das geheizte Auto und die schlechte Straße – es war krass! Um es mal zu beschreiben wie sich die Symptome von zu schnellem Höhengewinn anfühlen: der Kopf fühlt sich an als sei er in einen Schraubstock gespannt. Der ganze Körper wird steif und kribbelt. Man denkt man müsse sich übergeben, kann nicht denken und hofft, dass es bald vorbei ist! Die Straße war winterbedingt in einem erschreckend schlechten Zustand, wie ein ausgewaschenes Flussbett. Dabei nur wenige Meter breit, keine Leitplanken und zum Tal hin steil abfallend. Trotzdem quälten sich unzählige schwer beladene LKWs in Schrittgeschwindigkeit hinauf. Wir überholten die LKWs wo möglich – natürlich chinese-style – immer knapp und dauerhupend. Schließlich erreichten wir die Passhöhe auf “echten” 4.100 m (auf dem Schild steht jedoch 4.280 m). Zwischenzeitig hatte ich mich auf meine Atmung konzentriert und mit einem mal ging es mir wieder gut. Ein paar schnelle Souvenirfotos, dann wieder ins warme Auto und bergab. Allerdings leichter gesagt als getan: vor uns mehrere LKWs, davon einige ohne Schneeketten, die zumindest hier auf dem letzten Stück ihre klare Berechtigung hatten. Vor uns befand sich ein entgegenkommender LKW der schon schräg auf der Fahrbahn stand, das rechte Hinterrad gefährlich nah am Abgrund. Er gab Gas und die Räder drehten auf dem festgefahrenen Schnee durch. Aus Angst stieg er auf die Bremse, was bewirkte dass der LKW rückwärts noch näher an den Abgrund rutschte. Uns wurde angst und bange. Sollten wir Zeugen eines Dramas werden? Unser Fahrer und ich stiegen aus und begutachteten die Situation. Schließlich gab ich dem LKW-Fahrer zu verstehen dass seine einzige Chance war, die Räder gerade zu stellen und schräg zur Straße einen Bogen zum Hang zu fahren und auf keinen Fall zu bremsen bis die Räder griffen. Was er dann auch tat. Alle waren erleichtert als es klappte, es konnte weitergehen. Der Rest der Fahrt war abgesehen von der Landschaft unspektakulär und wir erreichten schließlich den Kreuzungsort von wo aus wir nach Süden und unsere Retter nach Westen fuhren. Unterkunft war teuer und grausig, so dass wir noch ein Stück das Tal runter fuhren, einen schönen Campspot fanden und fanden die Nacht in Ruhe bei angenehmen Temperaturen verbrachten.

Tag 4: Perfektes Wetter, Perfekte Landschaft, perfekter Tag … bis wir uns 50 km später in der Wüste gegen starken Gegenwind ankämpfend wieder fanden! Tags zuvor noch gefroren wie die Schneider, war nun das größte Problem Dehydration. Glücklicherweise gab es immer mal wieder eine Laden wo wir Wasser kaufen konnten. Abgesehen davon dass über uns eine Staubwolke den Himmel verdunkelte und die ganze Atmosphäre etwas von Endzeitstimmung hatte, verlief der Rest des Tages ohne große Vorkommnisse. 15 km vor unserem Tagesziel Korla hatten wir noch einen kleinen Pass zu überqueren, und dann sahen wir sie, die Oase in der Wüste: Hochhäuser im Nichts!

[andreas]