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Chengdu – Xichang – Kunming

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Als wir in Chengdu ankamen überraschte uns das Wetter mit Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen – leider sollten diese nicht lang anhalten und so waren die weiteren Tage wie gehabt grau und nasskalt. Nützt ja aber alles nichts, und so fuhren wir schließlich nach Tagen des Wartens und gelangweilt vom immer gleichen Tagesablauf in der Hoffnung auf baldige Wetterbesserung nach zehn Tagen los. Zwei Tage später, in Yaan auf ca. 500 m ü. N. N., war es aber immer noch kalt, also verwarfen wir schweren Herzens den Plan das osttibetische Hochland nach Xining zu überqueren und entschieden uns statt dessen nach Süden, nach Kunming, zu fahren. Yaan selbst ist eigentlich ein ganz netter Ort, in einem malerischen Flusstal gelegen, er wird aber von den meisten westlichen Touristen ignoriert, da es dort nichts Gehyptes, Überbewertetes zu sehen gibt – dabei gibt es dort doch zumindest Pandas zu sehen! Wir beschlossen also von Yaan nach Leshan zu fahren um uns Dafo, den weltgrößten Buddha anzuschauen, bevor wir uns in die Berge zwischen dem sichuanesischen Tiefland und Kunming aufmachen wollten. Der Buddhapark liegt an dem dem Stadtzentrum von Leshan gegenüberliegenden Flussufer. Entgegen den Informationen des Reiseführers fahren aber keine günstigen Fähren für Einheimische mehr dorthin sondern nur überteuerte Touristenboote. Diese legen aber nicht an, sondern man fährt quasi nur vor, macht Bilder und fährt dann wieder zurück – wie wir nach etlichem hin und her herausfanden. Hmm, nichts für uns. Alternativ gibt es noch die Möglichkeit mit dem Bus oder Taxi zum Buddhapark zu gelangen – allerdings kam selbst nach einer Stunde Warten der richtige Bus nicht. Mittlerweile war es auch schon Mittag und unsere Lust auf Sightseeing ging so ziemlich gegen Null. Hat wohl nicht sollen sein. Damit wir wenigstens eine der Top-Touristenattraktionen mitnehmen konnten, entschlossen wir uns noch den 30 km entfernten, und mehr oder weniger auf dem Weg liegenden Emei Shan, einen der vier heiligen Berge in China, zu besuchen. Der Berg ist ca. 3.000 m hoch und man kommt wenn man faul sein will sogar mit Bus und Seilbahn auf den Gipfel. Da wir keine Buddhisten sind erwarteten wir natürlich kein großartiges spirituelles Erlebnis, auch rechneten wir aufgrund des Wetters nicht mit tollen Fernsichten, wohl aber mit einer quick & dirty Höhenakklimatisierung die uns für die vor uns liegenden Pässe (einer mit 3.250 m – immerhin deutlich höher als jeder Straßenpass in den Alpen …) nützlich sein sollte. Und tatsächlich gingen die Anstiege trotz dass wir Ewigkeiten nicht mehr in bergigem Terrain unterwegs waren und mal wieder Wochen nur mit Warten auf Dieses und Jenes zugebracht haben, erstaunlich gut. Wir nahmen den Bus und erklommen die letzten paar hundert Höhenmeter auf meist steilen rutschigen Treppen. Oben angekommen hatte Frau Schroeder zwar keine Erleuchtung, bekam aber die Auswirkungen von einem zu schnellen Anstieg in zu große Höhe unmittelbar zu spüren – und musste sich gleich mal übergeben. Hey – it’s all about the experience!

Der erste Tag nach Emei führte uns dann gleich mal über zwei kleinere Pässe nach Ebian, einer kleinen Stadt dramatisch in einem engen Tal des Zusammenflusses zweier Flüsse gelegen. Am nächsten Tag ging es nach dem Frühstück gleich erst mal bergauf. Wir wollten einem der beiden Flüsse nach Westen folgen, was wir auch taten, bis uns ein Schild deutlich zu verstehen gab: Ab hier keine Nicht-Chinesen, außer mit Genehmigung. Genehmigung hatten wir keine, und die Chancen standen recht gut, dass, sollten wir den Hinweis ignorieren, es zu einer ungemütlichen Zusammenkunft mit der örtlichen Polizei kommen würde, denn wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und wussten, dass wir eine Gegend betreten würden in der sich das Kosmodrom Xichang befindet von wo aus die Chinesen mit “Langer Marsch”-Raketen ihre “Der Osten ist Rot”-Satelliten ins Weltall befördern. Gerüchten zufolge kommt es hierbei aber schon auch mal zu Komplikationen und die eine oder andere Rakete geht über dicht besiedeltem Gebiet nieder …

Also blieb uns nur der Weg zurück (sofern Alternativen bestehen, keine Option) oder in ein unbekanntes Seitental – wir entschieden uns für Letzteres. Von einer Höhe von ca. 500 m. ü. N. N. stieg die Straße auf ca. 150 km stetig bis zur Passhöhe auf 2.850 m an – natürlich nicht ohne zwischendurch immer wieder an Höhe zu verlieren. Zu anfangs kamen noch einige kleinere Orte mit Han-Chinesischer Bevölkerung, weiter oben dann betraten wir Gebiet der Yi-Minorität – was sich für knapp eine Woche nicht ändern sollte. Die Yi haben ihre eigene Sprache und eigene Schrift. Trotz dass Minoritätenvölker in China eher stiefmütterlich behandelt werden – z. B. hat die Verbesserung jeglicher Infrastruktur nicht unbedingt Priorität – konnte man überall Dörfer mit schönen neuen, in Reih und Glied stehenden, Ornament verzierten Häuschen bewundern – schließlich mag der chinesische Normaltourist seine Touriorte bunt und kitschig anstatt orginal – Menschenzoo eben. 10 km vor der Passhöhe endete der Asphalt und wir fuhren zunächst auf relativ guter Naturstraße weiter. Diese wurde jedoch zusehends schlechter je höher wir kamen, das nasskalte Klima tat sein übriges dazu und einige Zeit später fanden wir uns die schweren Räder durch knöcheltiefen Matsch schiebend und zerrend, die Strecke ebenfalls frequentierenden Bussen und LKWs ausweichend. Da es schon relativ spät war entschlossen wir uns zu campen, obwohl die Passhöhe nicht mehr weit sein konnte. Trotz der nasskalten Nacht ein weiser Entschluss, denn am nächsten Morgen ging es auf der anderen Seite 10 km genauso weiter bergab! Wir hielten im ersten größeren Ort und nahmen erstmal ein Frühstück, bestehend aus Nudelsuppe und Baozi (sprich: Bautze, dampfgegartes Brot mit leckerer Füllung), unter den Augen der gefühlt gesamten Dorfbevölkerung ein. Unter ihnen ein freundlicher Radler mit Mountainbike, der sich spontan entschloss uns nach Meigu, der nächsten Stadt, zu begleiten (naja, bis auf die letzten 2 km ging’s ja fast nur bergab …). Und dann auf einmal, lichteten sich die Wolken, die Sonne schien, blauer Himmel und es war warm! Das erste Mal seit Wochen – und es sollte so bleiben! Nachdem uns der Radler noch zu einem opulenten Mahl bei der Meiguer Verwandtschaft einlud, lehnten wir dann aber weitere Angebote auf Karaoke und Verkleidungsaktionen in einheimischer Tracht dankend ab und zogen uns auf’s Zimmer zurück. Tags darauf folgten weitere 50 km bergab durch eine atemberaubende Schluchtenlandschaft, gefolgt von einem kleinen 1.000 Höhenmeter-Anstieg um am nächsten Tag ultimativ den bereits erwähnten höchsten Pass auf der Strecke, mit 3.250 m, zu überqueren. Nochmal knapp 50 km bergab brachten uns nach Xichang, der lebhaften Hauptstadt des Verwaltungsbezirks, malerisch gelegen an einem See umrahmt von Bergen. Wir entschlossen uns zu einem Ruhetag, denn Fahrradwartung stand an. Am Vortag hatten wir nämlich fast zeitgleich einen Platten, verursacht dadurch, dass sich das Geflecht der Karkasse der Marathon XR Reifen innen auflöste und die Schläuche beschädigte. Obwohl das Profil bestimmt noch für einige weitere Tausend Kilometer gut gewesen wäre, war der Reifen so gut wie am Ende – also weg damit!

Frühstück bei KFC – also nur den zweitbesten billigen Kaffee zum Frühstück (man kann sich streiten, aber was das angeht, geht eben nichts über die Restaurantkette mit dem gelben M …) und ab ging’s – 1.000 Hm mit Durchschnittssteigung 7% – gleich mal wieder eine sportliche Leistung am frühen Morgen! Dafür ging der erste Teil des Anstiegs durch schattigen Wald auf relativ verkehrsarmer Straße und weiter oben gab’s dann schöne Ausblicke. Oben angekommen natürlich alles wieder runter und noch weiter. Die weitere Route verlief mehr oder weniger in wilden Flusstälern, mit gelegentlichen kleinen Pässen um vom einen Tal in das nächste zu gelangen, aber wer sich jetzt gemütliches Radeln entlang von Flüsschen vorstellt – 1.400-1.500 Hm täglich waren es eigentlich immer, statistisch betrachtet dürften wir somit in der kurzen Zeit mehr als die Entfernung Meereshöhe – Gipfel Mount Everest zurückgelegt haben! 150 km vor Kunming endete die Idylle abrupt nach dem letzten Pass und in Ermangelung einer Alternativstraße fanden wir uns auf einer Autobahn mit Seitenstreifen wieder! Gut, auch recht – schließlich wollten wir ja schnell nach Kunming um uns mit Moni zu treffen. Die Landschaft war jetzt auch nicht so dass es einen großen Unterschied gemacht hätte – und: wir hatten den Seitenstreifen für uns alleine – Luxus! 50 km vor Kunming in Songming fuhren wir ab um ein Hotel für die Nacht zu finden. Da Radfahren auf Autobahnen in China in der Regel nicht erlaubt, hatten wir schon befürchtet am nächsten Morgen die Autobahn nicht mehr benutzen zu können – aber, wir fuhren einfach an den Mautkassierhäuschen vorbei und siehe da: es interessierte niemanden. Auch später, als wir uns auf einem langen Anstieg an einer LKW-Wiegestation vorbei kämpften – winkten uns die Mitarbeiter freundlich zu und zeigten uns “Daumen hoch”-Gesten. Dann, 20 km vor dem Stadtzentrum Kunming, eine weitere Mautstelle. Der ganze Bereich war offen und gut einsehbar. Wir rollten langsam Richtung dem Häuschen ganz rechts außen. Man sah uns. Sechs Männer in Uniform stürmten auf uns zu und redeten auf uns ein. Ich verstand nichts, aber es ist ja offensichtlich worum es geht. Also lächelte ich und sagte, “Sorry, I don’t understand, we want to go to Kunming”. Einer der Männer sagte: “Ting bu dong” (chin.: don’t understand), zuckte mit den Schultern und winkte uns durch. Aus den Augen aus dem Sinn, Problem gelöst. Wir ließen bergab rollen und kommen gerade richtig zum Mittagsmenü. Wo? Na, wo natürlich…

[andreas]